Familiäre Landwirtschaft: Der Gänsehof in Keitum

Mit einem Sack Brötchen auf der Pritsche seines Pickups düst Kai Petersen geschmeidig durch die Keitumer Wiesen. Endziel sind rund dreihundert strubbelige Galloways, die sich bei strahlendem Sonnenschein genüsslich das saftige Gras auf der Zunge zergehen lassen. Siebzig Mutterkühe und dreißig Kälber stehen Spalier als Kai vorfährt. Eine beachtliche Summe, die seit sage und schreibe hundert Jahren stetig anstieg und von Keitum bis Morsum verteilt ist, stets mit Blick zum Deich und aufs Wattenmeer. Ursprünglich in der Keitumer Süderstraße gestartet, siedelte der Sylter Betrieb Anfang der Siebzigerjahre etwas außerhalb des Dorfes in die Koogstraße um. Der Milchbetrieb wurde wenig später an den Nagel gehängt, Schafe und Gänse übernahmen das Zepter. Letztere führten ebenfalls zur Namensgebung des Traditionsbetriebes, der sich über die Mithilfe der bereits fünften Generation freuen darf.

Völlig tiefenentspannt steigt Kai Petersen über den Weidezaun und verteilt die trockenen Brötchen. Die Stimmung ist sichtlich gut, es wird munter gefuttert. Nur eine fehlt. „Luna? Lunaaaaa! Komm doch her!“, ruft Kai querfeldein. Etwas weiter hinten, ganz allein grast die siebenjährige Luna. „Sie ist ganz zahm und lieb. Meine Kinder haben ihr den Namen gegeben“, schwärmt Kai und läuft ihr schnurstracks entgegen. Dann wird gekrault was das Zeug hält, Riesin Luna genießt die Streicheleinheiten so sehr, dass sie fast umkippt. „Ja, sie ist schon sehr verkuschelt“, verrät Juniorchef Kai und kann sich nur schwer lösen. Dann geht es zurück an die Arbeit. Der gelernte Fleischer hilft da, „wo der Schuh gerade drückt“, ist jedoch hauptsächlich für die Schlachtung und den Vertrieb zuständig. Vater John-Ricklef Petersen kümmert sich um die Landwirtschaft und Tieraufzucht, Ehefrau Leslie und Tochter Nicole unterstützen im Direktverkauf auf dem Westerländer Wochenmarkt, im Hofladen und im Büro.

Es gibt kaum einen gastronomischen Sylter Betrieb, der sich die Gänsehof Produkte entgehen lässt. Beste und Feinste Qualität zeichnet das Handwerk der Familie aus, dafür sind die Petersens bekannt. Neben den verschiedenen Deichlamm-, Gänse- und Galloway-Spezialitäten bereitet Kai Petersen ein sensationelles Spanferkel zu, das inselweit auf keiner Party und keinem Richtfest fehlen darf. Auch wenn die Arbeitszeiten etwas variieren, so ein Tag kann auch gerne mal siebzehn Stunden dauern, ist er sich seiner Sache sicher. „Ich liebe meinen Job. Jeder Tag ist anders.“, schwärmt der zweifache Familienvater Kai Petersen, der nebenbei auch noch fünffacher Inselmeister im Ringreiten ist. Wer den Hof der Familie, Luna und ihre Kolleginnen betrachtet stellt Fest: Was die Petersens machen, das machen sie mit Leidenschaft und Herzblut. Völlig sympathisch und mit einem starken Gefühl für die Sylter Tradition.

// Erschienen im Riel-Magazin

Fotos: Jan Blaffert