Ich bin dann mal offline

Weg mit dem PC und her mit den Möhrchen! Wenn Sylter plötzlich unter die Gärtner gehen.

Das Telefon klingelt, auf dem Laptop trudeln im Minutentakt E-Mails ein, aus dem iPad tönt die Lieblingsmusik. Rundumbeschallung. Vierundzwanzigsieben. Eine Methode, wie man diesen ganzen Stress und den technischen Firlefanz ganz einfach links liegen lassen kann, hat die Hörnumerin Jasmina Ben-Slimane im vergangenen Jahr ganz neu für sich entdeckt. Seit Mai ist sie stolze Besitzerin einer Parzelle im südlichsten Kleingartenverein der Insel. Eine "Laubenpiepern" sozusagen. Das Grundstück liegt in einer großzügigen Senke inmitten der Dünen und ist von der Straße aus komplett unsichtbar. In der Nachkriegszeit wurde die Fläche tonnenweise mit Mutterboden aufgefüllt, in den Siebzigerjahren folgten erstmals kleine Gartenhütten. Fährt man die Hörnumer Hauptstraße entlang, würde man ein derart paradiesisches Refugium niemals erwarten. Der Ort ist praktisch so geheim, dass die meisten Sylter ihn nicht einmal kennen und doch, oder gerade deswegen, gibt es auch eine entsprechende Warteliste. 

© Holm Löffler // Natürlich Sylt

© Holm Löffler // Natürlich Sylt

Jasmina hat Glück gehabt und kann nun so viel Offline-Zeit wie möglich mit ihren beiden Kindern Tilda und Tio im Grünen verbringen. Die sind wegen des neuen Gartens, Tochter Tilda nennt ihn auch gerne Spielplatz, wortwörtlich aus dem Häuschen. Natur-Luxus vom Allerfeinsten. Gute zweihundert Quadratmeter misst ihr kleines Eldorado inklusive Hütte. Hierfür hat Jasmina dem Vorbesitzer eine Ablöse gezahlt, das Grundstück wird ordnungsgemäß gepachtet. Aber mal ernsthaft. Ein Garten? Auf Sylt? Wozu, wenn man das Meer praktisch direkt vor der eigenen Haustür hat? Was Außenstehenden vielleicht nicht sofort einleuchtet, macht bei näherem Betrachten absolut Sinn. Schon mal versucht Möhren und Radieschen am Strand zu züchten? Was in der Theorie vielleicht ein spannendes Projekt wäre, sähe in der Praxis sicherlich nicht sehr erfolgreich aus. Außerdem zeigt sich der Sylter Sommer gerne launisch, eine Schönwettergarantie gibt es hier auf der Nordseeinsel leider nicht. Deswegen gibt es durchaus Tage, die sich vielleicht nicht für den Strand eignen, gartentechnisch aber absolut perfekt sind. Für Jasmina und ihre Familie ist das also die beste Alternative überhaupt, um trotzdem Zeit an der frischen Luft und in der Natur zu verbringen. Draußen kann gespielt und herumexperimentiert werden, es gibt eben immer etwas zu tun. "Als ich den Garten bekommen habe, war er völlig verwildert. Es dauert noch etwas bis alles schier ist, aber das kriegen wir hin", zeigt sich Jasmina optimistisch. In den vergangenen Monaten hat sich hier bereits einiges getan, die Hütte hat sie zum größten Teil schon renoviert. Der Boden strahlt mittlerweile in einem maritimen Türkis, an den weißen Holzwänden hängen trendige Ankerhaken und die Küchenfronten leuchten in einem feinen Rosé. Langeweile gibt's für die Familie nicht, schon gar nicht bei der Farbwahl. 

Es ist Kuchenzeit, Tilda und Tio machen es sich prompt in der Sitzecke bequem. Diese hat Jasmina aus alten Holzpaletten zusammengezimmert. Heimwerkeln, kochen, backen, basteln, das ist genau ihr Ding, denn mit diesen Hobbys und Talenten ist man natürlich gern gesehene Pächterin. Die Gemeinschaft spielt hier eine wichtige Rolle, aber ebenso die Optik des jeweiligen Grundstücks. Dafür sorgen die Statuten und auch ein Beauftragter. "Ganz so streng ist es bei uns nicht, aber es gibt natürlich ach Regeln. Das Bundeskleingartengesetz sollte nicht außer Acht gelassen werden", erklärt Insulanern Jasmina. Läuft man entlang der vielen bunten Häuschen und der liebevoll gestalteten Gärten, erblickt man viele junge Familien. Das Image vom spießigen Schrebergärtner schein hier längst passé zu sein. Der Gedanke des Selbstversorgers und der bewusste Umgang mit Lebensmitteln rücken stattdessen immer mehr in den Vordergrund. Gerade in den Städten, aber eben auch auf Sylt. Und so werden in den insgesamt 34 Parzellen, auf 12.000 Quadratmetern Fläche generationsübergreifend verschiedenste Obst und Gemüsesorten angepflanzt. Hierbei spielt nicht nur die gesunden Lebensführung eine Rolle, sondern außerdem der soziale Aspekt und das Miteinander. Man möchte den Kindern zeigen, wie denn diese Nahrungsmittel überhaupt entstehen. "Eigenes Obst und Gemüse schmeckt sowieso viel besser", findet Jasmina. 

Dass sie jemals hier so sitzen und sich über Kleingartengesetze unterhalten würde, daran hätte die gelernte Veranstaltungskauffrau womöglich vor ein paar Jahren nicht gedacht. Nach dem Abitur verschlug es sie zunächst zum Pädagogik und Psychologie Studium nach Kiel und Hamburg, sie musste einfach mal runter vom Knust und raus aus der gewohnten Umgebung. Stadtluft schnuppern und Neues kennenlernen. So ergeht es den meisten Inselkindern. Viele kehren, den Bauch und Kopf mit internationalen Eindrücken vollgefuttert, früher oder später zurück. Und auch, wenn das eigentlich nie der Plan war, fand sich Jasmina eines Sommers in der Sansibar ein, ackerte und buckelte sich mit Freude und Power durch die Saison. "Du bleibscht", hieß es dann vm Chef. Gesagt, getan. Dort lernte sich auch Ehemann Markus, einen zugezogenen waschechten Österreicher, kennen und lieben, zwei Kinder folgten und das Glück war perfekt. Jetzt ist sie um Golf Club Budersand tätig und zudem noch stolze Kleingartenbesitzerin mit Fußentfernung zum Strand.. Mehr Meer geht fast nicht. 

"Das ist hier meins. Mein Paradies", 

schwärmt Jasmina zurecht. In der Mitte des Gartens befindet sich ein großer Birnbaum inklusive Taubennest. Apfel, Kirsche, Pflaume und Weide komplettieren das Sortiment. Letzteres "eignet sich hervorragend für Stockbrot", das wurde gestern ganz spontan mit ein paar Nachbarskindern zubereitet. In der einen Ecke hockt ein Brombeerstrauch, in der andere sind es Erdbeeren, rundherum wachsen Rosen in den schönsten Tönen, Schmetterlinge gleiten von Blüte zu Blüte. Vor dem Gartenhäuschen befindet sich ein kleiner Setzkasten mit Steckrüben von Bauer Hoffmann aus Morsum. Die Stimmung ist entspannt, der Handyempfang geht gen Null, von W-LAN ist keine Spur. Auch das Verlangen danach schein nicht zu bestehen, denn es gibt so viel zu entdecken und zu tun. 

Kuchenzeit beendet. Tio und Tilda flitzen von der Matchkühe zur Schaukel, huschen dann kurz zur Nachbarin und besorgen eine Schere für das überdimensional große Pflaster, das für Tilda just aufgeschürfte Knie gebracht wird. "Wann gibt's Abendbrot?", fragt Tio. Minute für Minute wandert die untergehende Sonne weiter nach Westen, die Spitzen des Strandhafers leuchten golden. Kein Telefon klingelt, der E-Mail-Stress ist weit entfernt. Was bleibt sind die Klänge der Natur, fernab vom Schuss, im sonnigen Inselsüden. 

Erschienen im Magazin NATÜRLICH SYLT von der Sylt Marketing GmbH.