Local Lady Kim übers Surfen und die Industrie

Sylt, knapp 20 Grad in der Sonne, später Nachmittag im Mai. Die Füße stecken im Sand, der Blick geht geradewegs aufs Meer, die platte Nordsee. Ostwind. Kaum etwas bewegt sich, bis auf eine winzige Barrel, die mit Ach und Krach an der Buhne bricht. Minimensch müsste man sein, winzig klein. Oder einfach geduldig. „Am Wochenende soll der Wind drehen“, zeigt sich Kim zuversichtlich. Sich die mehr als einwöchige Flaute aufs Gemüt schlagen lassen, Trübsal blasen? Bestimmt nicht. Tagträumen, sich an schöne Erlebnisse erinnern wohl eher. Denn noch vor ein paar Monaten durfte Kim die schönsten Wellen der Welt abreiten. Von Sri Lanka aus ging die Reise los, entlang der Westküste. Dann verschlug es sie und ihren Freund nach Indonesien, Australien, Hawaii, Kalifornien und schließlich wieder nach Sylt, zurück zur Homebase.

Kim, wie ist für dich das Surf-Gefühl, wenn du von einer Reise nach Hause kommst, die erste Nordseewelle surfst?

Mir kommt es immer so vor, als wären meine Sessions im Urlaub das Training für Sylt. Hier ist es einfach schwieriger, die Bedingungen sind anders. Selten muss man gefühlt so schnell einen Take Off machen und den Arsch rumkriegen.“

Nach ein paar Jahren Erfahrung, erlebst du ab und zu trotzdem noch Frustrationsmomente?

Vor 10 Jahren habe ich angefangen. Mit 16 war ich Austauschschülerin in Neuseeland, da war das Wellenreiten Schulfach. Mich hat es sofort fasziniert und mir war klar, dass ich diesen Sport weitermachen möchte. Die Frustration kenne ich nur zu gut. Als ich noch in Kiel gewohnt habe, bin ich so oft wie möglich zum Surfen nach Sylt gedüst. Und wie oft wurde ich durchgewaschen und habe Weißwassersessions erlebt. Ab und zu ist es auch jetzt noch so. Stell’ dir vor du surfst wochenlang in Indo oder Portugal, hast den größten Spaß, alles klappt hervorragend und dann kommst du wieder nach Sylt und wirst erstmal geerdet. Du musst mehr paddeln, steigst von `nem Bikini wieder auf Neopren um, wirst oft von Westwindhack begrüßt und kämpfst dir einen ab. Aber dann ist jede Welle auch einfach härter verdient.

Die dicken Winteranzüge sind schon nervig, gerade das An- und Ausziehen. Ich kenne das Dilemma zu gut. Bikinis hingegen verrutschen auch gerne mal...

Das Paddeln im Winterneo empfinde ich als wesentlich unangenehmer. Obwohl die Handschuhe auch eine Hilfe sein können, bin ich eher von der Bikini-Fraktion. Mit so wenig Klamotten auf der Haut fühle ich mich im Wasser dann wie ein Fisch. Ich hab einen ganz guten Surf Bikini, da verrutscht nix. Und komplett verlieren kann man die ja eh nicht, hängen ja an der Leash. Aber ich denke mir auch immer „jeder wie er mag“. Es geht ja um den Spaß am Sport, meistens zumindest.

Und dabei kommt es mir so vor, als würde dieser immer mehr in den Hintergrund rücken. Das Surfen verliert an Wert. Für viele geht es um den Look, das beste Outfit, das coolste Resin Design.

Es gibt auf jeden Fall einige Clips und Marketing-Maschen, die absolut lächerlich und zum schreien sind. Und es ist schade, wenn das Surfen mehr als Instrument genutzt wird und das Smartphone oder die neue Karre im Vordergrund stehen. Und das mit der Optik ist natürlich auch so eine Sache. Gerade bei den Frauen. Ich denke schon, dass die Alanas, Jannis und Cocos in Schuss sein und sich entsprechend präsentieren müssen. Gerade auch für ihre Sponsoren. Aber ich finde das alles nicht so wild. Klischees gibt es doch bei den Männern genauso. Sex sells. Und so lange sie sich wohl fühlen und nicht irgendetwas tun, womit sie sich nicht identifizieren können, ist es doch ok. Es muss sich ja niemand ausziehen.

Und was, wenn sich dann doch jemand auszieht? Janni Hönscheid zum Beispiel?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Feminismus hin oder her. Sie surft super gut, selbst in Riesenbrechern. Ich mag ihren Stil. Überhaupt finde ich es bewundernswert, was die Ladies auf ihren Boards anstellen. Und wenn man damit seine Reisen, das eigenen Leben und vielleicht sogar die Familie finanzieren kann umso besser.

Welchen Einfluss könnte dieser Surfergirl-Lifestyle auf die jungen Mädels haben?

Die Frage ist, ob es falsch oder schlecht ist wie sie leben. Wenn man jeden Tag surft, ist doch klar dass der Körper sich anpasst, fit ist. Vieles ist sicherlich dennoch optimiert. Man nehme Instagram und so weiter. Das ist aber viel mehr ein gesellschaftliches Problem. Im Vergleich zu den klassischen Social Media Sternchen sind unsere Surferinnen noch mit am natürlichsten, finde ich.

Worum geht es für dich beim Surfen?

Für mich ist dieser Sport Spaß, mein allerliebstes Lieblingshobby. Das ist wie bei den Fußballfans: man checkt die Apps, den Forecast, Wellen, alles. Sie geben viel Geld aus, um irgendein Spiel zu sehen. Wir zahlen viel Kohle für ein Reiseticket oder Brett. Trotzdem ist es nicht das Wichtigste. Ab und an wird man enttäuscht und realisiert, dass man seit Jahren alles danach plant und die Freizeit komplett damit füllt. Plötzlich sind wieder die geilsten Wellen, alle Zweifel sind nicht mehr existent und es ist einfach das Beste auf der Welt. Gerade hier auf Sylt, wenn man denn mal belohnt wird.

Gibt es etwas, das du den Ladies mit auf den Weg geben möchtest?

Macht euch nicht zu sehr abhängig von den Jungs. Checkt eigenständig den Forecast und alles was dazugehört. Auch wenn es frustrierende Momente gibt: bleibt dran! Und steigt auf keinen Fall zu früh auf ein zu kleines Brett.

Das hört eine Longboarderin doch gern. Lieben Dank für deine Zeit.

// Erschienen im blue-online-mag.